Einführung
Viele Künstler haben sich zu allen Zeiten der Aufgabe gewidmet, die Themen ihrer Werke in Bewegung darzustellen. Einige davon zeigen das Phänomen der Zeit auf raffinierte Weise. Avantgardistische Maler der Neuzeit wie Giacomo Balla oder Marcel Duchamp bauten auf den Versuchen der Kubisten auf, dem Betrachter eine Zeit-Raum-Erlebnis zu bieten, indem sie verschiedene Aspekte und Seiten eines Objektes in einem Bild zeigten.
Balla und Duchamp benutzten als weitere Quellen die frühen Zeit-Bewegungs-Studien der Fotografen Edweard Muybridge und Étienne-Jules Marey zur Entwicklung ihrer
künstlerischen Visionen der Bewegung. Die facettenreiche, farblich fein abgestufte Darstellung des weiblichen Körpers in Ballas Gemälde "Mädchen läuft auf einem Balkon" (1912) und in Duchamps bahnbrechenden "Akt eine Treppe herabsteigend" (1912) simulieren die Bewegungsmechanik des menschlichen Körpers in freier Interpretation. Diese Beispiele dokumentieren das starke Interesse vieler Künstler an entsprechenden Entdeckungen der Wissenschaften, die durch die rasanten technischen Entwicklungen in den Feldern der Fotografie, der Filmtechnik und der Elektronik in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts möglich wurden. Es erscheint fast wie ein Wettrennen zwischen den Künsten und den Wisenschaften um die bestmögliche oder kreativste Darstellung der flüchtigen Schönheit der Bewegungen um uns herum, deren bewußte Aufnahme bis dahin kaum möglich war.
Die Wissenschaft der Geschwindigkeit
Der Erfinder des elektronischen Blitzgerätes, wie es heute in jede moderne Kamera eingebaut wird, ist Harald E. "Doc" Edgerton (1903-1990). Er war ein brillianter Wissenschaftler, Professor und engagierter Lehrer am Massachusetts Institute of Technology (MIT), der technischen Talentschmiede der USA. Edgerton benutzte in seiner langen Karriere oft Stroboskoplampen, um Erscheinungen der Natur und extrem schnelle Bewegungen zu fotografieren, die so noch nie zu sehen waren. Er verdiente sich den Spitznamen "Papa Flash", ein Gang im MIT Gebäude Nummer vier wird "Strobe Alley" oder "Allee der Blitze" genannt,
entsprechend der langen Reihe seiner historischen Errungenschaften. Hier forschte Edgerton und lehrte den Nachwuchs, seinem Weg zum Verständnis der Erscheinungen, die ohne technische Hilfsmittel ausserhalb der Reichweite der menschlichen Sinne liegen, zu folgen: "Wenn du an etwas arbeitest - an irgendetwas - dann willst du es verstehen. Du musst es sehen, es aufnehmen und alles darüber lernen."
1949 adelte das Museum of Modern Art (MOMA) in New York City einige seiner verblüffenden Hochgeschwindigkeits-Fotografien, darunter der ikonenhafte Michtropfen, der beim Auftreffen auf eine rote Schale mit Milch seine charakteristische Krone bildet. Der Kurator Edward Steichen wählte sie für die Ausstellung "Der entscheidende Moment" aus, weil sie Beispiele der Augenblicklichkeit der menschlichen Wahrnehmung sind, und damit einer Vorstellung entsprechen, die in der modernen Kunst idealisiert wurde. Durch diese Entscheidung ehrte Steichen auch Edgerton's viele Vorgänger, wie die schon erwähnten französischen Pioniere der Chronfotografie oder den englischen Physikprofessor A. M. Worthington, der zum Ende des 19. Jahrhunderts neue experimentelle Felder für die Fotografie erschloss.
Technologie trifft auf Kunst und Bildjournalismus
Der Unterschied zwischen den früheren Versuchen, Abläufe darzustellen und Edgertons elektronischer Lösung ist die "Bewegung" des Lichts, das er in ultrakurze einzelne oder stroboskopische Blitze formte, die den fotografischen Film belichteten und so ultrascharfe und detailiert Bilder kürzester Momente einzeln oder in Serie einfingen. Um die öffentliche Aufmerksamkeit auf seine Erfindung zu lenken, als diese in den späten dreissiger Jahren anwendbar wurde, stattete Edgerton ausgewählte Fotografen mit Kameras aus, die mit seinen Blitzgeräten kombinert waren. Nun konnten Künstler und Profis elektronische Blitzaufnahmen außerhalb der kontrollierten Umgebung des MIT-Labors machen und veröffentlichen, so die neue Technik voranbringen. Einer, der begeistert und sehr früh mit Edgertons Apparaten blitzte, was Gjon Mili, der das erste Fotostudio mit dem neuen Licht ausstattete und in Montclair, New Jersey eröffnete. 1939 zog er damit nach New York, um den großen Verlagshäusern näher zu sein. Die schwarzweißen Einzelbilder und stroboskopischen Phasenaufnahmen von berühmten Schauspielern, Musikern, Tänzern und Sportstars wurden vom Magazin Life in großem Stil veröffentlicht. Life begann 1936 reich illustriert über die Ereignisse der Welt zu berichten - die spektakulären Momentaufnahmen begründeten große Teile des frühen Ruhms von Gjon Mili und Life.
Milis mehrfach durch das Stroboskop belichtete Aufnahmen von Darstellern in Aktion unterschieden sich bereits stark von den frühen experimentellen Aufnahmen Edgertons, der in eine Interview äusserte: "Macht mich nicht zum Künstler. Ich bin Ingenieur. Ich bin hinter den Fakten her, nur den Fakten." Alle Bildresultate, die mit seiner fortschrittlichen Technik erzielt wurden, unterstützten seinen Grundsatz, dem zufolge "die Fähigkeit, fruchtbare Verbindungen zwischen verschiedenen Feldern" herzustellen eine wichtige Grundlage kreativen Denkens und Handelns sei. So beinflußten Bildkünstler durch ihr feedback die Entwicklung der modernen fotografischen Lichttechnik. Milis Bilder waren feinfühlige Anwendungen der technischen Möglichkeiten seiner Zeit: Kunst traf auf High Tech auf dem Feld der Fotografie zum Besten der Entwicklung des Bildes, das die Menschen erschaffen, um sich die Schönheit der Welt bewußt zu machen und diese zu beschreiben.
1936 erklärte "Doc" Edgerton, daß es "viele großartige Möglichkeiten gibt, die Methode (des stroboskopischen Blitzens) anzuwenden. Ich glaube, ich habe bislang kaum gelernt, dieses Werkzeug einzusetzen." Viele Kreative haben zusammen mit ihm und seinen wissenschaftlichen Nachfolgern gelernt, das Blitzlicht in Phasenaufnahmen zu beherrschen. Unter ihnen sind, abgesehen von Gjon Mili, künstlerische Fotografen und Profis wie Ben Rose (USA, 1916-1980) oder Phillip Leonian (USA), die sich beide in den sechziger und siebziger Jahren auf die fotografische Beschreibung der Bewegung spezialisierten. Die School of Imaging & Photographic Arts and Sciences des Rochester Institute of Technology (RIT, USA) hält die Ideen von "Papa Flash" für die nachkommenden Generationen von Erfindern und Künstlern lebendig.
Die Seele des Tanzes - Etudes #1 - 8 von Horst Kloever
Jede der eleganten Bewegungen des schlanken und kraftvollen Körpers der Ballerina Tata Jashiashvili werden in den breitformatigen Bildern mit bestechender Genauigkeit aufgenommen. Das elektronische Blitzlicht, als Stroboskop eingesetzt, dient als optisches Werkzeug, um die flüchtige Zartheit und Anmut festzuhalten. Die Zusammenarbeit der Tänzerin, zuhause auf Bühnen wie zum Beispiel der Berliner Staatsoper unter den Linden, und dem technisch versierten Fotografen hat bestechende Sequenz-Fotografien hervorgebracht. Diese ermöglichen es, die Schönheit der Bewegungen in Ruhe zu genießen, auf blickfüllenden Bildflächen voller zarter Details in feinsten Farbnuancen.
Die Verwendung spezieller Kamera- und Lichttechnik und der Möglichkeiten der digitalen Bildoptimierung des 21. Jahrhunderts machen es möglich, die Ballerina in verschiedenen klassischen Tanzsequenzen und in ihrer natürlichen Umgebung zu porträtieren: Der Bühne mit einem wallenden Vorhang im Hintergrund, der die Tänzerin optisch umspielt, während sie voller Freude Sprünge macht oder ganz in sich gekehrt präzise Ballettroutinen vollführt.
Frühere Versuche, Bewegungsabläufe auf diese Art darzustellen, waren meistens technisch bedingt auf einen schwarzen Raum beschränkt, der noch stark an die Laborsituation der Anfänge der Chronofotografie und im besonderen an die Arbeiten des Ingenieurs und Fotografen Harald E. "Doc" Edgerton erinnerte. Die Chrono- oder Hochgeschwindigkeitsfotografie widmet sich der technisch aufwändigen Darstellung von schnellen Bewegungen in Einzelbildern oder Sequenzen. Den Pionieren diese Technik gelangen schon in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts Aufnahmen, die einiges zum heutigen Bild von Abläufen, die zu schnell für das menschliche Auge sind, beigetragen haben.
Der Bildautor Horst Kloever hat sich vor dem Projekt der Etudes #1-8 einen Namen mit mehrfach ausgezeichneter experimenteller Fotografie in den Bereichen des Porträts, der Mode- und Sportfotografie gemacht und mit einem Oskar-ausgezeichneten Regisseur und Kameramann im Special-Effects Bereich zusammengearbeitet. Er ist auch als Autor und Kurator tätig.
*Benjamin, Walter: Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit - Drei Studien zur Kunstsoziologie, Frankfurt am Main, 1963
Links zur Chronofotografie:
http://en.wikipedia.org/wiki/Chronophotography
http://edgerton-digital-collections.org
http://en.wikipedia.org/wiki/Gjon_Mili
Links zu Gallerien, die im Text erwähnte Werke anbieten:
Horst Kloevers ETUDES #1-8 (2009) als Edition bei LUMAS.








